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Taking Sides - Der Fall Furtwängler

Taking Sides - Der Fall FurtwänglerTaking Sides - Der Fall Furtwänglernicht beschaffbar
Handlung:Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs will US-Major Steve Arnold mit einem Schau-Prozess ein Exempel statuieren und klagt Wilhelm Furtwängler der Kollaboration mit den Nazis an. Der Stardirigent führt zu seiner Verteidigung Aktionen wie die Verweigerung des Hitlergrußes und die Beschäftigung verfolgter Juden in seinem Orchester an, während Arnold in seinem Schwarz-Weiß-Denken nur Täter und Opfer kennt. Er kann oder will nicht nachvollziehen, in welchem moralischen Dilemma sich der sensible Künstler befand.
Bewertung:
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Art: DVD Video
EAN: 4012050563189
FSK: 12
Hülle: Amaray Case
Jahr: 2001
Erscheinungsdatum: 26.09.2002
Anzahl Medien: 1
Regie:István Szabó
Darsteller:Harvey Keitel
Moritz Bleibtreu
Stellan Skarsgård
Land:Deutschland
Originaltitel:Taking Sides - Der Fall Furtwängler
Regionalcode:2
Genre:Drama
Hersteller:VCL Film + Medien AG
Laufzeit:ca. 106 min
Bildformat:16:9 anamorph
Tonformat:Deutsch: Dolby Digital 5.1
Quelle:www.dvd-palace.de
Ausstattung:Kapitel- / Szenenanwahl

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Filmrezensionen
Taking Sides - Der Fall FurtwänglerAuthor: Ulrich Behrens
»Taking Sides« ist die Verfilmung des gleichnamigen Bühnenstücks des britischen Dramatikers Ronald Harwood. Wie schon in »Mephisto« (1981, mit Klaus-Maria Brandauer als Hoefgen alias Gustav Gründgens) widmet sich István Szabó (»Oberst Redl«, 1985; »Hanussen«, 1988) auch in diesem Streifen einem Thema, in dessen Mittelpunkt die Rolle eines Intellektuellen im nationalsozialistischen Deutschland steht: Dr. Wilhelm Furtwängler, einem der größten Dirigenten des 20. Jahrhunderts, nach 1933 Leiter der Berliner Philharmoniker und Staatsrat der Reichsmusikkammer, dessen Rolle im »Tausendjährigen Reich« zeit seines Lebens umstritten war.Der amerikanische Major Steve Arnold (Harvey Keitel) hat die strikte Anweisung seines Vorgesetzten, Furtwängler (Stellan Skarsgård) dessen Kollaboration mit den NS-Machthabern nachzuweisen, um ihn dann vor Gericht stellen zu können. Schon kurz nach dem Krieg wurde der Dirigent mit einem Berufsverbot belegt. Zur Seite stehen Arnold der in alliierten Diensten stehende Leutnant David Wills (Moritz Bleibtreu), der als deutscher Jude selbst verfolgt wurde, und die junge Emmi Straube (Birgit Minichmayr) als Sekretärin, deren Vater dem Kreis um Stauffenberg angehörte und als Verschwörer des 20. Juli 1944 hingerichtet worden war.Arnold setzt alles daran, durch die Verhöre von Zeugen, u.a. ehemalige Musiker der Berliner Philharmoniker, Aktennotizen, Aufzeichnungen und Dossiers, die von Nazi-Stellen u.a. über Furtwängler selbst angefertigt wurden, aber auch durch unbewiesene Beschuldigungen und anderem mehr zu einer Anklage von Furtwängler zu kommen. Nachdem er die Musiker Helmut Rode (Ulrich Tukur), Rudolf Werner (Hanns Zischler) und Schlee (Armin Rohde) vernommen hat, die ihm alle dieselbe Geschichte erzählen, Furtwängler habe mehreren Juden zur Flucht verholfen, Hitler gegenüber den Hitlergruß verweigert, sei nie in der Partei gewesen und sich nichts zuschulden kommen lassen, verhört er Furtwängler selbst ...Die Rollen scheinen vertauscht in diesem fiktiven Verhör:Dort der Ankläger, der mit allen Mitteln, auch denen der Erniedrigung und Beleidigung arbeitet, um seine längst feststehende Überzeugung von der Schuld Furtwänglers aus diesem heraus zu kitzeln, ein Ankläger, dem Emmi Straube irgendwann den Vorwurf macht, auch nicht besser als die Gestapo-Leute zu sein, die sie wegen ihres Vaters verhört hatten.Hier ein Dirigent, der wie ein Häufchen Elend, mit schlechtem Gewissen, fast am Boden zerstört, Arnold ausgeliefert ist. Ein Mann, der wie viele Intellektuelle im »Dritten Reich«, die in Deutschland blieben, ein vor allem inneres Arrangement mit der Diktatur schlossen, ohne überzeugte Nazis gewesen zu sein, die sich dem System der Macht unterwarfen, um ihren Beruf weiter ausüben zu können, die sich der Verblendung hingaben, sie könnten sich heraushalten, die sich gegen andere ausspielen ließen, deren Schwächen die Machthaber zynisch für ihre Zwecke ausnutzten, die sich unpolitisch gaben und doch in hohem Maße für die Diktatur instrumentalisiert wurden – bis es zu spät war, aus diesem System zu fliehen.Doch Szabós Absicht ist nicht die der Verurteilung. Arnold, auf Seiten der Sieger über die Unmenschlichkeit, Furtwängler auf Seiten der Kollaborateure – da müssten die Sympathien eindeutig verteilt sein. Doch trotz des Wissens über die Kollaboration oder zumindest der Ahnung der Rolle Furtwänglers als »Aushängeschild arischer Kultur« liegen die Dinge in diesem Kammerspiel nicht so eindeutig: Gut und Böse ist nicht immer so uneingeschränkt zu personifizieren, wie die Ausgangssituation es vermuten ließe.Taking Sides: Welche Partei soll man ergreifen? Die der Menschlichkeit! Aber dann stellt sich die Angelegenheit wesentlich komplexer und komplizierter dar, als sie an Personen festmachen zu wollen. Fragen stellen sich: Wer kann sich vorstellen, warum Künstler und andere in Deutschland geblieben sind, wer kennt die Gründe, wie lebt es sich dann in einer Diktatur? Waren nicht auch viele Menschen in der SED, nicht weil sie überzeugte Anhänger der Machthaber waren, sondern weil sie einen Weg für ihr Leben suchen mussten? Welche Rolle spielen Angst und Feigheit, wie sind beide voneinander abzugrenzen, in welchem Verhalten drückt sich »nur« Angst, in welchem Feigheit aus? Wie würden wir uns unter solchen oder ähnlichen Verhältnissen verhalten?Die Brutalität der NS-Diktatur ist bis heute unfassbar. Wie mögen die Menschen, die als Soldaten, Offiziere, Helfer nach dem 8. Mai 1945 nach Deutschland gekommen sind, empfunden haben, als sie die Leichenberge in den KZs selbst oder in der Wochenschau gesehen haben? Was muss ein Major Arnold über Leute gedacht haben, die sich – aus welchen Gründen auch immer – als Aushängeschild für dieses Regime hergaben? »Aus welchen Gründen« – genau das aber ist die Frage, die Arnold nicht stellt. In seiner fast schon verzweifelten Besessenheit, auf jeden Fall einen Schuldigen schon gefunden zu haben, bevor er ihn überhaupt kennt, übersieht er alle Fragen, deren Beantwortung wirklich auf einige Mechanismen in Diktaturen und menschliche Verhaltensweisen hindeuten könnten.Es geht nicht um Schuld und Sühne. Darum geht es nämlich sowieso. Szabó inszeniert ein Bild, in dem durch die Überzeichnung von Gut und Böse die eindeutige Parteinahme für Gut oder Böse nicht mehr möglich ist. Wenn die »gute Seite« z.B. alle Mittel einsetzen darf, um die »böse Seite« zu überführen, dann relativiert sich »das Gute« selbst. Wenn »das Böse« »plötzlich« da sitzt wie ein Mensch, ein geschlagener, ein verzweifelter, der wohl innerlich spürt, dass sein Verhalten in den vergangenen zwölf Jahren von Illusionen, Angst und auch Feigheit, von fremdbestimmter Funktionalisierung, aber vielleicht auch einem inneren Arrangement mit der Macht gekennzeichnet war, dann relativiert sich auch die »böse Seite«. Es geht nicht mehr bloß darum, wer die Menschlichkeit für sich gepachtet hat, sondern um wesentlich wichtigere Fragen der Verstrickung in ein ausgeklügeltes System der Macht.Harvey Keitel und Stellan Skarsgård können in ihren so gegensätzlichen Rollen voll überzeugen. Keitels Darstellung der Figur des schon fast brutalen Realisten, der letztlich doch scheitert, denn Furtwängler wurde entlastet, ist durchaus ambivalent. Denn er überschreitet zwar Grenzen im Verhör, doch man kann ihn trotzdem verstehen. Stellan Skarsgård spielt Furtwängler als naiven, tatsächlich in gewisser Weise unpolitischen Künstler, der sich angesichts der Verstrickungen in das NS-System glaubt, immer weiter in seine Musik flüchten zu können – eine Mischung aus Angst, Feigheit, Hilflosigkeit und fehlendem Realitätssinn.Auch Moritz Bleibtreu und Birgit Minichmayr machen ihre Sache gut, fungieren sozusagen als Gewissen, als eine Art Instanz der Gerechtigkeit, aber nicht in einem allzu konstruierten Sinn.Fazit:Ein Film, der meinem Gefühl nach viele Fragen aufwirft, wie schon »Mephisto«, obwohl dort die Verstrickung von Hoefgen / Gründgens in das NS-System eindeutiger war. Während Hoefgen der kalkulierend-egoistische »Mitläufer« und Mit-Nutznießer war, repräsentiert Furtwängler – hier im Film – eher den ängstlichen, unrealistischen und hilflosen Intellektuellen. Mich hat »Taking Sides« tief berührt. Und man kann den Filmtitel auch als Frage verstehen: Kann man sich – einfach so – auf eine Seite stellen, und das war es dann?
Quelle: www.filmbesprechungen.de

Weitere Informationen zu Taking Sides finden Sie hier.

 

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